Nieuws

Adriaan van Dis erzählt über Das verborgene Leben meiner Mutter

Sie haben einmal gesagt, dass Sie, wenn Sie schreiben, sich selbst etwas zu erklären versuchen. Welche Frage hatten Sie, bevor Sie an diesem letzten Roman begannen?

Ich habe mich ernsthaft gefragt, ob ich meine Mutter liebgehabt habe. Während des Schreibens fragte ich mich: Warum trauerte ich nach ihren Tod gar nicht? Weshalb haben wir ihren Tod so sachlich abgewickelt? Als sie mir während ihrer letzten Lebenstage Geschichten von früher erzählte, ging ich auf die Suche nach meinen eigenen Erinnerungen. Indem ich diese Erinnerungen, also auch die großen Streitereien, detailliert aufschrieb, lernte ich mehr über mich. Es lag Staub auf meinem Erinnerungskästchen. Wie ein Archäologe hab ich diesen minutiös fortgeblasen.
Was haben Sie unter dem Staub gefunden?
Das Wissen, dass meine Mutter einen viel größeren Einfluss auf mich hatte, als ich jemals vermutet habe. In der Erklärung für mein eigenes Leben hatte ich mich bisher immer auf meinen Vater konzentriert. Er war vom Krieg traumatisiert und schlug drauf los. Ein grausamer Mann gegen seinen Willen, aber wohl gut einzuschätzen: er schlug mich, war also ein Arschloch. Meine Mutter entschied sich für die Flucht aus der Gegenwart. Sie zog Horoskope, vertiefte sich in Esoterik und konsultierte Orakel. Dafür verspottete ich sie. Doch warum habe ich mich niemals ein wenig in diese Dinge vertieft? Sie ist für mich lange Zeit schwer zu verstehen gewesen.

 

Weshalb steht im Buch kein einziges Foto Ihrer Mutter?
Es ist ein Roman, in dem ich Dinge fiktionalisiert habe. Ich möchte, dass der Leser das Buch als eine Geschichte, über einen Sohn und eine Mutter mit einer erstickenden Beziehung, liest. Also nicht: Sieh mal an! Das ist also die Mutter van Adriaan van Dis. Ein Foto ist mir zu wirklich. Beim Schreiben wurde meine Mutter übrigens weniger meine Mutter und ich wurde weniger ich um letztendlich immer näher an die Wahrheit zu gelangen.

 

Das Motto des Buches lautet: “You must sacrifice family on the altar of fiction.” (Man muss die Familie auf den Altar der Fiktion opfern.)
Ich werde nicht leugnen, dass dieses Buch einen stark autobiografischen Charakter hat. Dennoch kann man mit der Wahrheit schummeln. Wenn Mutter lügt, kann man selbst auch lügen. Man kann sie Reisen machen lassen, die sie niemals gemacht hat. Es geht um das große Ganze der Geheimnistuerei, mit der die Vergangenheit umgeben ist und damit spielt man als Autor ein Spiel. Mit der Esoterik hatte ich Schwierigkeiten; wie dosiert man so etwas, ohne aus ihr eine Hexe zu machen – die sie war, aber gleichzeitig konnte sie auch ganz nüchtern sein.

 

Haben Sie Ihrer Mutter jemals etwas aus dem Buch vorgelesen?
Teile, schon einmal hier und dort, zum Beispiel über das Lager, zu dem sie angeblich den Weg nicht mehr kannte. Das war ein japanisches Internierungslager, wo sie mit ihren drei Töchtern war und in dem sie lang nicht die tapfere Mutter war, an die wir uns erinnern sollten. Sie hatte Ödeme, sie war oft krank. Ihre Töchter haben ihr durch diese Zeit geholfen. Das war der Band aus Fleisch, die drei Töchter mit der Mutter. („Davon verstehst du nichts. Du warst noch nicht da.“) Diese Mutter wollte ich nun lösen und ihre Geschichte erzählen lassen und das habe ich getan. Was  mache ich? Ich springe ins Lager hinein. Als Schriftsteller ist das möglich, um die eigene Mutter zu sehen, sie besser sehen zu können.

 

Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter würde das Buch lesen. Was würde sie davon halten?
Sie würde es mögen, hoffe ich. Danach würde sie es zur Seite legen. Sie hat alle meine Bücher gelesen, aber sie würde sich niemals einschleimen  also Komplimente hat sie nie gegeben, denn dann würde ich hochmütig werden können und das würde sie koste was es wolle verhindern.

 

Sie haben schon mehrere Bücher über Ihre Familie geschrieben. Können wir in Zukunft weitere Romane mit Inspirationen aus der Familie erwarten?
Ich habe sie eingeschlossen, sie befinden sich hinter Stahltüren. Aber manchmal laufe ich dort vorbei und dann höre ich wieder jemanden quieken. Es ist eine fantastische Familie: Geschichtenerzähler, total verrückt. Es wäre schade, wenn man damit nichts mehr machen würde. Wer weiß.

Diese Aussagen von van Dis stammen aus aktuellen Interviews. Die vollständigen niederländischen Texte finden sie hier:

– Raadgever, Stefan: “Adriaan van Dis tekent leven stervende moeder op.” In: Algemeen Dagblad  (6. Dezember 2014).

– Overmans, Floor: “Bij verschijning van zijn nieuwe boek – Ik kom terug – in gesprek met Adriaan van Dis (1946) over de verstikkende relatie met zijn moeder.” In: VaraGids (4. November 2014).

– Pauw, Jeroen (Presentator) Pauw.[Fernsehsendung]. Hilversum: Vara. (5. November 2014).

Tags: